Lesetraining

Der Leseprozess erfordert ein systematisches Scannen der Textvorlage. Dieser Vorgang beinhaltet einerseits Ruhephasen und andererseits sehr schnelle Blickbewegungen. Die Informationsaufnahme erfolgt während des Fixierens eines sehr kleinen Textbereichs, dem sogenannten visuellen Feld. Die Augen bewegen sich sprunghaft und mit einer sehr hohen Geschwindigkeit von einer Analyseeinheit (Fixation) zur nächsten.

 

Das visuelle Feld (Abbildung 1) kann als kognitives Korrelat der Netzhautwahrnehmung dargestellt werden und vergrößert sich mit steigender Lesefertigkeit. Rayner (1986) konnte zeigen, dass sich das visuelle Feld bei Leseanfängern nur etwa 12 Buchstaben nach rechts ausdehnt. Inhoff et al. (1989) wiesen nach, dass die Größe des visuellen Feldes auch von der Schwierigkeit des zu lesenden Textes abhängt. Leichtes Buchstabenmaterial führt zu einer Vergrößerung, schwieriges Material zu einer Verkleinerung des visuellen Feldes. Deswegen wurde die Ausdehnung des visuellen Feldes als eine Art von Aufmerksamkeitsleistung interpretiert.

 

Abbildung 1: Das visuelle Feld umfasst das foveale und das parafoveale Feld. Es wird vom peripheren Feld umgeben (Raddach et al., 2002).


Eine detaillierte Untersuchung der Blickbewegungen lässt darauf schließen, dass Legastheniker im Vergleich zu Nicht-Legasthenikern

  • nur kleinere Wortsubeinheiten verarbeiten können (ein kleineres visuelles Feld besitzen) und darum mit einer Fixation weniger Information aufnehmen können,
  • in der Folge ein Wort öfters fixieren müssen und deswegen mehr Blicksprünge benötigen aber zugleich
  • mehr Zeit für die Verarbeitung der jeweils analysierten Wortsubeinheit benötigen.
  • Dies drückt sich auf kognitiver Ebene durch Geschwindigkeits- und Kapazitätsdefizite beim Lesen aus.

Beim grundsätzlichen Blickverhalten (Verhältnis von Sakkaden zu Regressionen) konnte kein Unterschied zwischen Legasthenikern und Nicht-Legasthenikern festgestellt werden.

 

Dies bedeutet zusammengefasst: Legastheniker können nur sehr wenig Textmaterial auf einmal verarbeiten und benötigen dafür sehr viel Zeit. Sie benutzen aber grundsätzlich die gleiche Lesestrategie wie Nicht-Legastheniker (Simonszent et al., 2004).

 

Das Ziel eines Lesetrainings sollte deswegen sein, die Größe der analysierten Text- beziehungsweise Worteinheit (und damit auch das visuelle Feld) zu vergrößern und die Fixationsdauern zu verringern, indem die Abrufgeschwindigkeit erhöht wird.

 

Literaturnachweis:

Inhoff, A. W., Pollatsek, A., Posner, M. I. & Rayner, K. (1989). Covert attention and eye movements during reading. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 41A, 63-89.

Radach, R., Heller, D. & Huestegge, L. (2002). Blickbewegungen beim Lesen: Neueste Entwicklungen und Ansatzpunkte für die Legasthenieforschung. In G. Schulte-Körne (Hrsg.), Legasthenie: Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte (S. 61-88). Bochum: Winkler.

Rayner, K. (1986). Eye movements and the perceptual span in beginning and skilled readers. Journal of Experimental Child Psychology, 41, 211-236.

Simonszent, H. (2004). Analyse der Blickbewegungen von Kindern mit einer Lese- und Rechtschreibstörung und einer altersentsprechenden Kontrollgruppe beim Lesen von Pseudowörtern. Tübingen: Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

 

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